Jesse Dean: die ersten 19 Jahren

Ich kam in 1968 zur Welt in Enid, Oklahoma, USA und schon als kleines Kind war es mein größter Wunsch zu einer normalen Familie zu gehören. Eine typische Familie mit Mutter, Vater und Geschwister alle zusammen und glücklich. Anstatt normale Eltern bekam ich 17-jährige Hippies, die regelmäßig Alkohol und Drogen missbrauchten. Ich war nie der Sohn oder das Kind, sondern das neueste Mitglied ihres Bekanntenkreises und so nahm ich zusammen mit meinen Eltern alles was zu der Zeit aktuell war. So kam es dazu, dass ich Alkohol und Drogen missbrauchte bevor ich überhaupt Fahrrad fahren konnte.

 

Ich war meist auf mich alleine gestellt und musste lernen die alltäglichen Dinge zu meistern. Meine Eltern fanden es toll, dass ich so selbstständig und unkompliziert war. Es ist aber auch anderen Personen aufgefallen, dass ich meistens ohne Aufsicht unterwegs war und somit bin ich mehrere Mal das Opfer von Missbrauch geworden. Es gab niemand an dem ich mich wenden konnte, also lernte ich nach und nach diese Situationen zu vermeiden.

 

Mein Vater kam und ging, aber irgendwann kam er nicht mehr. Dafür kam ein Stiefvater und mit ihm Gewalt und Terror in mein Leben. Durch seinen Alkohol und Drogenmissbrauch war er sehr unberechenbar. Er schlug meine Mutter und mich oft ohne erkennbaren Grund. Ich lebte in ständiger Angst und Abscheu vor seinen Schikanen. Ich fragte meine Mutter häufig, warum sie sein Verhalten tolerierte und sie nahm ihn immer in Schutz. Ich begann meine Mutter zu verachten, weil sie mich ihm schutzlos auslieferte.

 

Mit 12 entdeckte ich für mich die Vorteile von extremer Aggression. Während einer Schlägerei legte sich in meinen Kopf einen Schalter um und ich habe wild zugeschlagen. Meine Gegner habe ich schwer verletzt. Im nach hinein ist es mir klar, dass es für mich ein Wendepunkt war. Ich verwandelte mich von Opfer zum Täter. Ich regelte danach jeden Konflikt und Auseinandersetzung mit Schlägen. Ungefähr zur selben Zeit, als ich die Schutzfunktion von extremer Aggression entdeckte, begann ich Drogen von meinen Eltern zu klauen und diese an meine Freunde weiter zu geben. Meine Gewaltbereitschaft und Zugang zu Drogen schuf mir großes Ansehen in meiner Clique. Ich hatte meinen Weg gefunden; Gewalt, Drogen und eine totale Missachtung für meine Zukunft oder eigene Sicherheit. Ohne Führung oder Aufsicht von meinen Eltern bin ich über die nächsten Jahre komplett außer Kontrolle geraten. Ich bin so oft verhaftet worden, dass ich heute nicht mehr weiß wie oft noch wofür. Unzählige Schlägereien, Verletzungen, Drogen und Verbrechen bestimmten meinen Alltag. Ruhe und Frieden kannte ich nicht.

 

Aber über die Jahre ist mir langsam klargeworden, dass ich genau so werde wie meine Eltern. Diese Erkenntnis hat mich so gestört und mit Selbsthass erfüllt, dass ich mich beim Militär freiwillig gemeldet habe, um die Chance zu haben mich von allem zu trennen. Mit 19 habe ich Familie, Freunde und Umgebung ein für alle Mal hinter mich gelassen, um ein neues Leben anzufangen. Nach der Grundausbildung und 1 Jahr Dienst in Fort Sill, Oklahoma, bin ich in 1989 nach Deutschland gekommen.

 

Es dauerte viele Jahren bis ich halbwegs normal mit anderen Menschen umgehen konnte und ich schätze, ich werde niemals einen „normalen“ Zustand erreichen. Ca. 20 Jahren nach meinem Bruch mit meinem selbstzerstörerischen Lebensstil habe ich Suchtprävention entdeckt und mir war sofort klar, dass ich dies machen muss. Suchtprävention gibt mir die Möglichkeit aus meinen eigenen negativen Erfahrungen positives zu bewirken und somit anderen Menschen vor meinem Schicksal zu wahren.